
Zwischen Chaos, Stille und einem Satz
Nach Jahren der Funkstille ploppt eine Mail auf. Einfach so. Ohne Erwartung, ohne Anlass, ohne erkennbaren Hintergrund. Und dann auch noch positiv. Das passiert selten genug, um kurz stehen zu bleiben.
Metalbruder ist ein ehemaliger Kollege aus einer anderen Zeit. Diese Mail stand für sich.
Am Ende drei Worte.
Keep the faith.
Kein Kalenderspruch.
Keine Motivationstapete.
Einfach ein Satz.
Von jemandem, der mich kennt.
Und nichts von mir will.
Verbindungen, die nicht verschwinden
Was das bei mir ausgelöst hat, war zweigeteilt.
Freude darüber, dass solche Verbindungen noch existieren.
Und Ärger über mich selbst. Darüber, dass ich es nicht schaffe, Kontakte zu halten. Nicht aus Desinteresse, sondern weil Rückzug mein Standardmodus wird, sobald der Kopf voll ist.
Manche Menschen verschwinden nicht.
Sie liegen einfach lange still.
Onboarding ohne Halt
Der Einstieg im neuen Job war kein Start.
Es war ein Stolpern.
Keine strukturierte Einarbeitung.
Kein klarer Plan.
Keine Übergabe.
Aufgaben, Erwartungen und Zuständigkeiten waren eher Vermutungen als Klarheit.
Onboarding bedeutete Selbstorganisation.
Fragen stellen.
Nachhaken.
Lücken schließen.
Viel Eigeninitiative.
Wenig Führung.
Funktionieren wurde vorausgesetzt. Orientierung musste man sich selbst bauen.
Wenn nichts zu tun war, lag das nicht daran, dass alles erledigt war.
Es lag daran, dass Aufgaben weder vorbereitet noch verteilt wurden.
Prozesse waren undokumentiert oder nur bruchstückhaft bekannt.
Ansprechpartner wechselten.
Verantwortung blieb diffus.
Daueranspannung statt Überforderung
Das erzeugt keine fachliche Überforderung.
Das erzeugt Daueranspannung.
Man prüft permanent, ob man richtig liegt.
Ob Erwartungen existieren, die nie ausgesprochen wurden.
Ob man etwas übersieht, das niemand benannt hat.
Das ist kein persönliches Versagen.
Das ist ein strukturelles Problem.
Und genau das macht es so zermürbend, weil man versucht, Struktur zu schaffen, wo eigentlich Führung nötig wäre.
Der Sturz
Der Unfall auf dem Weg zur Arbeit kam in einer Phase, in der ohnehin alles unter Spannung stand.
Körperlich schmerzhaft.
Mental ein zusätzlicher Einschnitt.
Trotzdem bin ich zur Arbeit gefahren.
Habe gearbeitet.
Bin erst später zum Arzt.
Pflichtbewusstsein vor Selbstschutz.
Kein neues Muster.
Der Sturz braucht keine Symbolik.
Er war real.
Er tat weh.
Und er zeigt, dass Belastung nicht theoretisch bleibt.
Keep the faith
Keep the faith kam nicht von mir.
Es kam von Metalbruder. Und genau deshalb wirkt es.
Nicht als Aufforderung, durchzuhalten.
Sondern als Erinnerung, sich selbst nicht komplett aus dem Blick zu verlieren.
Auch dann nicht, wenn Strukturen fehlen.
Auch dann nicht, wenn Dinge gleichzeitig passieren.
Mehr steckt da nicht drin.
Aber manchmal reicht genau das.
Zwischenstand
Das hier ist kein klassischer Rückblick.
Es ist keine Erfolgsgeschichte.
Und auch keine Abrechnung.
Es ist ein Zwischenstand.
Ich wollte Ordnung schaffen, wo Chaos war.
Kontrolle zurückholen, wo Unsicherheit dominierte.
Ich wollte funktionieren, obwohl alles instabil war.
Und ich habe gemerkt, wie teuer das ist, wenn man es zu lange versucht.
Man wird stiller.
Enger.
Dünnhäutiger.
Man wird müde von Gesprächen, die man nicht führen kann, weil das Gegenüber gar nicht merkt, dass es eines braucht.
Und irgendwann reicht ein Satz in einer Mail, um etwas zu lösen, das man selbst längst vergessen hatte.
Vielleicht ist das der Punkt.
Nicht alles muss laut gelöst werden.
Manches löst sich, wenn man still bleibt.
Und offen.
